Gegenbilder. Disparate Bildwelten.

Beim ersten Hinschauen erscheint dieses Konzept einfach und unmittelbar evident. Erst bei näherer Beschäftigung wird die Komplexität der GEGENBILDER deutlich. Eine Serie von Siebdrucken, die auf der Grundlage dokumentarischer Pressefotos von Hunger, Leid und Zerstörung, den täglichen Bedrohungen unserer Welt, entstanden sind, werden expressiv gemalte Tafelbilder gegenübergestellt. Diese „Gegenbilder“ sind jedoch nicht nur schlichte Gegenentwürfe, die dem Schrecken positive Erfahrungen, Projektionen und Utopien gegenüberstellen, sondern sie sind selbst doppelbödig, in sich selbst widersprüchlich, ebenso wie die dokumentarischen Fotos mehrere Bildebenen enthalten, die nicht beim ersten Hinschauen zu erfassen sind. Eine zentrale Bedeutung in der Serie GEGENBILDER der Münchener Künstlerin Gabriele Stieghorst spielt die Frage, wie und in welchem Maße die Welt durch und über ein Bild wahrgenommen werden kann. Die Reflexion des Mediums erfolgt jedoch nicht auf einer abstrakten und theoretischen Ebene, sondern durch eine unmittelbar sinnliche Erfahrung. Die von der Künstlerin ausgewählten Motive des Schreckens und der Unterdrückung appellieren an unser soziales Gewissen, aber sie enthalten keine einfache Botschaft, die mit gleicher Intensität auch in Worten auszudrücken wäre. DIE BILDER SIND EBENSO REPRÄSENTANTEN DER REALITÄT WIE AUCH AUTONOME VERTRETER IHRER SELBST.Das Argument früherer Generationen „nichts von den Geschehnissen gewußt zu haben“, das heißt, nicht informiert gewesen zu sein, kann im Zeitalter einer weltweiten agierenden medialen Aufklärung, nicht mehr gelten. Telekommunikation und Web sorgen dafür, dass der Rezipient über die Ereignisse in allen Teilen der Welt -on line- informiert werden kann. Dennoch garantiert die ständige Präsenz von Wort und Bild keine Einwirkung auf das Bewusstsein. Im Gegenteil: die ständige optische Reizüberflutung mit „schrecklichen Bildern“ bewirkt einen Effekt der Abstumpfung und Gleichgültigkeit. Nicht zuletzt beeinflußt die Zensur die Aussagekraft der Bilder. Die äußere, repressive, von Behörden und Informationsministerien ausgeübte Zensur ebenso wie die innere, häufig unbewußte Zensur, die im Kopf des Berichterstatters stattfindet. Durch die Auswahl und Ordnung der Bilder werden Sehweisen vorgeprägt, die die Wahrnehmung des Bildmaterials manipulieren. Die „Endlosschleifen“ der Fernsehübertragungen haben bewiesen, dass Bilder im extremen Fall mehr kaschieren als aufdecken.

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Die GEGENBILDER wollen die dokumentarischen Aufnahmen nicht neutralisieren und auslöschen, sondern im Gegenteil: ihre Brisanz steigern. Konfrontiert mit der anderen, artifiziellen Bildwirklichkeit verlieren sie die Banalität des alltäglichen „Bösen“ und werden wieder als Dokumente und Instrumente der Aufklärung erfahrbar. An der Trennungslinie der Diptychen entwickeln sich kommunikative Vorgänge. Auf einer weiteren Bildebene, den SYNTHESEN, wird die Diffusion auch praktisch vollzogen. Wenn sich die Elemente der malerischen und der dokumentarischen Bilder überlagern entsteht eine neue künstliche Bildwirklichkeit. Die Komplemente der Realität fügen sich zu einer neuen Einheit. ALLES IST EINS.
Natürlich liegt in der Existenz dieser künstlichen, virtuellen Bildern auch eine Gefahr. Sie besitzen eine große ästhetische Verführungskraft. Deshalb werden sie im Rahmen einer Ausstellung als „DENKBILDER“ als große Videoinstallationen dargestellt, die nicht in Konkurrenz zu Malerei/Druck stehen.
Eine weitere sehr wichtige Ebene der Reflexion bildet die Kombination von Wort und Bild. Die dokumentarischen und die gemalten Bilder korrespondieren mit nüchternen Pressetexten auf der einen Seite und gestalteten Texten, Gedichten und Aphorismen auf der anderen. Die Künstlerin möchte mit den GEGENBILDERN helfen, Sensibilität für existenzielle Probleme unserer Zeit zu wecken und zu formulieren. Angestrebt wird, den Betrachter durch die bildnerische Analyse und Synthese ihrer Themen offener und emphatischer zu machen, Denkprozesse auszulösen – und im besten Fall – seinen Willen zu Veränderung und Widerstand zu motivieren. Beabsichtigt ist keineswegs nur eine allgemeine, verschwommene Reaktion der Betroffenheit und Anteilnahme, die sich im eigenen Lebenszirkel nur selbst reflektieren würde. Bilder von „Auschwitz“, von „Umweltkatastrophen“, „Hunger“ „Krieg“ und „Todesangst“ ermuntern nicht zum ästhetischen Genuss. Konfrontiert mit ihren teils beschaulichen, teils bizarren und aggressiven „Gegenbildern“ fordern sie zum Widerspruch heraus und stellen auf bedrängende Weise die FRAGE NACH DEM STAND-ORT DES BETRACHTERS.
Sie fordern den Betrachter – dessen Blick zwischen beiden Wahrnehmungswelten hin- und herpendelt – auf, den eigenen Stand-Ort in Frage zu stellen. So entsteht die Möglichkeit, dass sich der Betrachter der GEGENBILDER über die Wahrnehmung der disparaten Bildwelten am Ende selbst in verwandelter Form begegnet. (Andreas Kühne, München, 1995) Content

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„Gegenbilder“. Acryl, Pigmente, Drucke auf Leinwand. Größe je 150 x 150 cm.