Venus. Die Göttin der Liebe.

Venus. Römisches Pendant zur griechischen Aphrodite, der Schaumgeborenen. Schönheit und Fruchtbarkeit spendend präsentiert sie sich athletisch als marmorne „Venus von Milo“, kleinbrüstig, schmalschultrig und blindgelockt einer Muschel entsteigend bei Botticelli, barock lagernd bei Rubens, geheimnisvoll-verführerisch bei Manet, elfengleich über Wiesen schwebend bei Hodler. Venus – eine der Leitfiguren der Kunstgeschichte, vorgeführt in unterschiedlichster Positur, ist und bleibt trotz allem Facettenreichtums stets eines: lockendes Weib, nicht selten unbekleidet und in prüden Gesellschaften oft fadenscheiniger Vorwand für die künstlerische Auseinandersetzung mit den erotischen Reizen des weiblichen Körpers. Genuss: ein weiblicher Akt, in Gestalt und Aussehen in aller Regel dem Zeitgeschmack gemäß – so fordert es ihre Bestimmung, Göttin der Liebe und der Schönheit zu sein.

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Die „Venus“ hingegen, die Gabriele Stieghorst 1998 ins Leben rief, entspricht eben nicht unserem Zeitgeschmack. Sie widersetzt sich dem gängigen Schönheitsideal, sie provoziert in ihrer Fülle und stößt vielleicht sogar manchen ab. Sie schockiert mit ihrer Dreistigkeit, sich ihrer Üppigkeit zum Trotz via Leinwand unserer der Magerkeit huldigenden, fitnessorientierten, erfolgssüchtigen und vor allem immer weniger dem Sinnlichen gegenüber offenen Gesellschaft zu präsentieren. Was unsere Gesellschaft braucht, ist nicht Venus als Fruchtbarkeits- und Schönheitsgarantin. Einzig für die Liebe könnte sie, die die Liebe wohl in erster Linie im erotischen Sinne verkörpert, brauchbar sein und in ihrer Polygamie ist sie vielleicht sogar repräsentativ für Sehnsüchte der Konsumgesellschaft, die abgestumpft von immer Neuem nur noch eine dumpfe Ahnung von nicht massenmedial gepredigten Werten hat.
Stieghorst`s „Venus“ ist weniger Göttin als Weib und eng verwandt mit den vielen zahlreichen Figuren ihrer Serie „Dicke Frauen“. Ihre „Venus“ ist eine unter vielen und doch Individuum, so wie alle ihre runden Schwestern Individuen sind. Die mächtigen Leiber der „Dicken und der Starken Frauen“, von denen hier nur einige vorgestellt werden, sind Ausdruck eines Lebensgefühls, das im Zeitalter der Massenmedien und ungeduldiger Schnelligkeit immer zu verkommen droht. Sie sind Ausdruck von und Forderung nach mehr Sinnlichkeit – ein Begriff, der im Schaffen der Gabriele Stieghorst eine Schlüsselrolle spielt.
Die Frage, wie sie auf das Sujet Der „Dicken Frauen“ gekommen sei, beantwortet sie knapp: es seien deren üppige Formen, die sie inspirieren würden. Sie redet weder von subjektiv empfundener Schönheit noch von der Objektivität eines idealen Proportionskanons.
Die üppige Gestalt der „Venus“ lagert formatfüllend auf der Bilddiagonalen und gewinnt mit zunehmendem Abstand des Betrachters von der Leinwand an Kontur – sofern von einer solchen überhaupt zu sprechen ist, denn die Wirkung der „Venus“ ist ähnlich der eines irrealen Trugbildes einer Gestalt, das kurz erscheint um sich sogleich wieder zurückziehen zu wollen in ein Bett aus Pigmenten.
Doch haben wir uns bisher lediglich mit einem Bild des Werkes befasst: Ebenso wie beispielsweise „Frau in Blau“, „Dicke mit gelben Haaren“ oder „Rote Haare“ sind die Frauenbildnisse ein zweiteilig konzipiertes Werk, ein Diptychon. Die figurative Darstellung ist nur eine Seite eines größeren Ganzen, dessen sinnlich-emotionale Dimension sich erst vollständig erschließt in der Zusammensicht mit dem „Zwilling“, eine farbige „Impression“, wie Stieghorst selbst das nonfigurative Pendant nennt. Die meisten ihrer Arbeiten sind zwei- oder dreiteilig. Für die Malerin ist es wichtig, dass die Arbeiten miteinander kommunizieren, einen Dialog entstehen zu lassen.
Auch hier manifestiert sich das „serielle Prinzip“. Das Serielle ist ganz konkret Bestandteil des Werkes. Die meisten ihrer Arbeiten sind zwei- oder dreiteilig. Nur wenige stehen allein..Diejenigen, die allein stehen, sind in der Regel der ungegenständlichen Kategorie zuzurechnen. Oft tragen diese bonfigurativen Tafeln Titel wie “Impression“, „Struktur“oder einfach nur den Namen der Farben, deren Herrschaft das Bild unterliegt.
Mehrteiligkeit, Serilität, Farbdominanz, Formauflösung: zwar unterliegt die Malerei von Stieghorst diesen Prinzipien, aber diese Prinzipien sind keine, die nicht durch sie selbst wieder umgestoßen oder ignoriert werden könnten. Stieghorst ist frei und, sich dieser Freiheit bewußt, setzt sie diese Freiheit als stilbildendes Mittel ein, wann immer sie der Überzeugung ist, ihrer Vorstellung von Gefühl und Sinnlichkeit so besser Ausdruck verleihen zu können. (Köln, 1998. Barbara M. Thiemann)Content

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Diese Reihe ist in New York entstanden. Die Künstlerin hat die großen Gemälde dort gemalt und anschliessend in Soho in der Galerie Montague in einer vielbeachteten Ausstellung gezeigt.

„Venus 2“. Acryl, Pigment auf Leinwand, Größe 155 x155 cm. 
„Liegende mit Roten Haaren“. Acryl, Pigment auf Leinwand, Größe 220 x 155 cm.
„Frau in Blau“. Acryl, Pigment auf Leinwand, Größe 155 x 210 cm.